Psychoanalyse | Geschichtliches

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, wurde 1865 als Sohn jüdischer Eltern in Österreich geboren.

Freud studierte Medizin in Wien und widmete sich der Behandlung von Neurosen.
In Paris lernte er den Neurologen und Professor für Pathologische Anatomie Jean-Martin Charcot kennen. Charcot forschte zur Hysterie, der „typischen Frauenkrankheit“ des 19. Jahrhunderts.

Hysterie leitet sich ab vom griechischen Wort „hystera“ für Gebärmutter. Es herrschte die Ansicht vor, eine Reihe von körperlichen sowie psychischen Funktionsstörungen und Verhaltensmustern, die bei Frauen beobachtet wurden, hätten ihre Ursache in einer Fehlfunktion der Gebärmutter. Als Symptome der Hysterie galten z.B. Amnesien, Muskelschwächen, Lähmungen, Anästhesien, Zittern, Übererregbarkeit, körperliche Schmerzen, unaufhörliches Schluchzen, vorübergehende Blindheit, Bewusstseinsverlust, pseudoepileptische Anfälle, Selbstverletzungstendenzen und Suizidversuche.
Man glaubte, die Symptome der Hysterie rührten von einem Mangel an Flüssigkeit der Gebärmutter her und dass die Gebärmutter auf der Suche nach Flüssigkeit durch den Körper wandere. Das „Umherwandern der Gebärmutter“ wurde mit z.T. barbarischen Methoden behandelt.
Weil man annahm, dass Gestank die Gebärmutter wieder an den richtigen Platz im Körper führen würde, wurden Hysterikerinnen gezwungen, verbrannte Haare, Schießpulver oder Schwefelgeruch einzuatmen. Zur Befeuchtung der „trockenen Gebärmutter“ sollte männliches Sperma dienen, weshalb Frauen, bei denen eine Hysterie diagnostiziert wurde, Geschlechtverkehr verordnet wurde.

Charcot hingegen hielt äußere Faktoren, die einhergehen mit überwältigenden Emotionen, für ursächlich und wandte zur Behandlung der Hysterie Hypnose an.
Auch Freud beschäftigte sich dann eine Zeitlang mit Hypnose, wandte sich später aber davon ab und entwickelte Freie Assoziation und Traumdeutung als Behandlungsmethoden (Links s.u.).

Pierre Janet, ein Zeitgenosse Freuds, entwickelte das Konzept der Dissoziation. Belastende Ereignisse verursachen durch überwältigende Emotionen eine Dissoziation der Persönlichkeit. Bei einen Trauma bleibt ein „System aus Ideen und Funktionen“ bzw. deren Subsysteme jeweils auf bestimmte Teile der traumatischen Erinnerungen fixiert und bringt  traumabezogene psychoforme und somatoforme dissoziative Symptome hervor.
Aus heutiger Sicht handelte es sich bei der Hysterie also um traumabezogene strukturelle Dissoziation der Persönlichkeit.

Zunächst entwickelte dann auch Freud die Ansicht, dass die Ursache der Hysterie in einer Traumatisierung durch sexuellen Missbrauchs eines Kindes liegt (s.u.). Er prägte dafür den Begriff Abwehrhysterie und später Konversionshysterie. Als das Hauptmerkmal der Hysterie wurde die Dissoziation verschiedener Bewusstseinszustände betrachtet.

Der Wiener Arzt Josef Breuer bezog Freud in den 1880er Jahren in die Behandlung seiner Patientin Anna O. mit ein. Zusammen entwickelten sie die Sprechtherapie, dem Vorläufer der Psychoanalyse. Breuer gilt als Mitbegründer der Psychoanalyse.
Freud und Breuer kannten Janets Konzept der Dissoziation und bezogen es in ihre „Studien zur Hysterie“ ein (s.u.). Sie stimmten mit den Ideen Janets insofern überein, als dass sie davon ausgingen, dass traumatische Erinnerungen „verdrängt“ werden, bezogen die Verdrängung aber nur auf Erinnerungen an sexuellen Missbrauch durch einen nahen Verwandten.
Janet hingegen sprach nicht von Verdrängung, sondern von Dissoziation und fasste die verursachenden Faktoren weiter. Er ging davon aus, dass auch andere Arten von überwältigenden Ereignissen die Fähigkeit zur Integration solcher Ereignisse negativ beeinflussen.

Der Fall Anna O. ging in die Medizingeschichte ein.
Anna O., die mit bürgerlichem Namen Bertha Pappenheim hieß, litt an Lähmungserscheinungen, Halluzinationen, Amnesien, Angstzuständen, Depressionen, Stimmungsschwankungen, Essstörungen, Nervenschmerzen im Gesicht, Seh- und Sprachstörungen, sprach zeitweise entweder nur Englisch oder nur Deutsch, und unternahm mehrere Suizidversuche. Erste Symptome traten während der Pflege ihres schwer erkrankten Vaters auf. Breuer stellte die Diagnose Hysterie.
Als Breuer die Behandlung übernahm, lehnte Bertha Pappenheim damals übliche Behandlungsmethoden ab und bestand darauf, dass das Aussprechen ihre Seele entlasten würde. Unter dem Titel „Studien zur Hysterie“ veröffentlichten Breuer und Freud 1895 die Krankheitsgeschichte der Anna O. Freud bezeichnete Bertha Pappenheim später als die eigentliche Begründerin der Psychoanalyse.
Breuer erklärte Bertha Pappenheim nach Abschluss der Behandlung als geheilt.
Spätere Klinikaufenthalte belegen, dass die Erkrankung nicht überwunden war.
Die österreichische Frauenrechtlerin und Sozialreformerin Bertha Pappenheim setzte sich bis zu ihrem Tod im Jahr 1936 für den Kampf gegen Mädchenhandel und Prostitution ein.

Freud hatte Mitte der 1890er Jahre die Verführungstheorie entwickelt.
Er ging davon aus, dass hysterische Symptome seiner Patientinnen Folgen erlebter Gewalt in der Kindheit waren, speziell benannte er sexuelle Gewalt durch den Vater am 2-8-jährigen Kind.
Freud veröffentlichte eine Schrift mit dem Titel „Die Ätiologie der Hysterie“, in der er den Zusammenhang zwischen von außen zugefügter Gewalt und den Hysterie-Symptomen als Folgeerscheinungen eines erlittenen psychischen Traumas beschrieb.

Freud (1896): Zur Ätiologie der Hysterie

„In der ersten Gruppe handelt es sich um Attentate, einmaligen oder doch vereinzelten Mißbrauch meist weiblicher Kinder von seiten Erwachsener, fremder Individuen, wobei die Einwilligung der Kinder nicht in Frage kam und als nächste Folge des Erlebnisses der Schrecken überwog.
Eine zweite Gruppe bilden jene weit zahlreicheren Fälle, in denen eine das Kind wartende erwachsene Person – Kindermädchen, Kindsfrau, Gouvernante, Lehrer, leider auch allzu häufig ein naher Verwandter – das Kind in den sexuellen Verkehr einführte und ein – auch nach der seelischen Richtung ausgebildetes – förmliches Liebesverhältnis, oft durch Jahre, mit ihm unterhielt.
In die dritte Gruppe endlich gehören die eigentlichen Kinderverhältnisse, sexuelle Beziehungen zwischen zwei Kindern verschiedenen Geschlechtes, zumeist zwischen Geschwistern, die oft über die Pubertät hinaus fortgesetzt werden und die nachhaltigsten Folgen für das betreffende Paar mit sich bringen.
Wo ein Verhältnis zwischen zwei Kindern vorlag, gelang nun einige Male der Nachweis, daß der Knabe – der auch hier die aggressive Rolle spielt – vorher von einer erwachsenen weiblichen Person verführt worden war.
Ich bin daher geneigt anzunehmen, daß ohne vorherige Verführung Kinder den Weg zu Akten sexueller Aggression nicht zu finden vermögen.“

1897 widerrief Freud seine ursprüngliche These und wendete diese ins Gegenteil.
In seiner Theorie vom Ödipus-Komplex beschrieb Freud das unbewusste sexuelle Begehren des Kindes gegenüber dem gegengeschlechtlichen Elternteil.
An dieser Theorie hielt Freud bis zu seinem Tode im Jahr 1939 fest.


Zum Weiterlesen:

Psychoanalyse | Persönlichkeitstherorien

Psychoanalyse | Krankheitskonzepte & Behandlungstherorien

Die Entstehung der Psychoanalyse (Sigmund-Freud.biz)

Psychotherapie – Narrentürme und Irrenanstalten (ARD – planet wissen)

Verführungstheorie (Freud) (WIKIPEDIA)

„Wer war Anna O.“  (Dagmar Buchta)

Die Geschichte der Anna O. (Berta Pappenheim) (psycho ][ philo)

Trauma! – Trauma?


 

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2 Gedanken zu „Psychoanalyse | Geschichtliches

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